2019-03-15

Blanke Theorie: Luhmann & systemisches Coaching

Es gibt derzeit verschiedenste Coachingansätze, die in der Praxis Anwendung finden. Wer aktuell nach einem Coach sucht, ist über die Vielzahl des Angebots erstaunt. Es ist jedoch gar nicht so einfach, einen ausgebildeten Coach mit einer fundierten Ausbildung zu finden.

Um einen Einblick zu geben, was ein Coaching sein kann, möchte ich an dieser Stelle eine theoretische Ausarbeitung teilen. Der Artikel ist der erste und deutlich trockenere Teil meiner Abschlussarbeit „Coaching im Reitsport“, die ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Business Coach geschrieben habe.

Die gesamte Arbeit ist die hier erhältlich.

Systemisch-lösungsorientiertes Coaching

Das systemisch-lösungsorientierte Coaching unterscheidet sich von anderen Coachingkonzepten auf dem Markt. Ein wesentliches Merkmal ist, dass der Klient (also der Kunde) während des gesamten Coachingprozesses der Experte ist. Anders als in der Beratung unterstützt der Coach den Klienten beim Lösungsfindungsprozess, ohne dabei jedoch Wissensinput zu geben.

Systemtheorie von Niklas Luhmann als Grundlage

Der Soziologe Niklas Luhmann hat den Begriff der Systemtheorie maßgeblich geprägt. Die Neurobiologen Maturana und Varela definierten 1980 den abstrakten Begriff der Autopoiesis. Die Feststellung der Neurobiologen war, dass das autopioetische System in sich geschlossen ist, jedoch ebenso Abhängigkeitsverhältnisse zu der Umwelt des Systems bestehen (vgl. Luhmann 1982, S.367f). Jede Information, die aus der Umwelt wahrgenommen wird, verändert somit das geschlossene System.

Luhmann stellte auf Grundlage dieser Forschung fest, dass sich autopoietische Systeme in das lebende System, das psychische System (operierend ausschließlich durch Gedanken) und das soziale System unterteilen lassen.

In den kommenden Jahren beschäftigte er sich mit der Fragestellung, inwieweit sich die stetige Selbsterschaffung von Systemen auch auf soziale Systeme übertragen lässt. Er entwickelte daraus die These, dass soziale Systeme durch die ständige strukturelle Rückkopplung zu dem psychischen und lebenden System der Menschen ähnlich wie ein autopoietisches System durch Kommunikation operieren. (vgl. Gerth)

Übertrag der Systemtheorie auf das Coaching

Systemisches Coaching setzt bei den Überlegungen Luhmanns an. Der Klient wird als eigenes lebendes und psychisches System gesehen, der in seinem sozialen System Informationen an seine Umwelt ausstrahlt, bewusst weitergibt und gleichzeitig aufnimmt. Der Klient erhält somit von den anderen Teilnehmern des sozialen Bezugssystems Informationen, auf die er reagiert.

Systemisch-lösungsorientierter Ansatz

Im Coachingprozess heißt das: das jeweilige soziale Bezugssystem, in dem der Klient sich bewegt, hat eine Relevanz für ihn. Es beeinflusst ihn. Der Klient entscheidet im Gespräch, ob und wie weit er sich mit seinem aktuellen Anliegen einem sozialen Umfeld, z.B. seinem Arbeitgeber oder seinem Projektteam, zuordnet.

Die Lösungsorientierung im Coachingprozess bedeutet, dass nicht die Probleme oder Defizite des Klienten analysiert werden, sondern die Vision, die Ziele und die Lösungsmöglichkeiten des Klienten im Mittelpunkt stehen. Eine starke Lösungsorientierung weist der hypnosystemische Ansatz von Milton Erickson und die lösungsfokussierte Kurztherapie von Shazer auf.

Rolle des Coach im systemisch-lösungsorientierten Coaching

Die starke Lösungsorientierung im Coachingprozess charakterisiert gleichzeitig die Rolle des Coaches, der sich auf Augenhöhe mit dem Klienten bewegt. Der Coach geht davon aus, dass der Klient selbst am besten weiß, was ihn bewegt und welche Lösungen ihn am meisten voranbringen.

Wichtig ist deshalb, dass der Coach die Worte des Klienten nicht bewertet und seine eigenen Interpretationen und Erklärungsversuche für die Situation des Klienten zurückhält. Die Aufgabe des Coaches ist es, den Klienten bei dem Prozess von der Formulierung eines Anliegen bis zur konkreten Umsetzungsplanung von Maßnahmen zu begleiten. Der Klient steht im Mittelpunkt des Coachings. Er soll unterstützt werden, seine Ziele und Maßnahmen zu erarbeiten, mit denen er im Alltag seine Situation aktiv verbessern kann. Die Expertise liegt während des gesamten Coachings allein beim Klienten.

Sketchnote-systemisches-coaching

Der Coachingprozess nach der Karlsruher Schule

Der systemisch-lösungsorientierte Coachingprozess ist durch die folgenden Phasen definiert.

Anliegenklärung

Ausgehend vom Thema, das den Klienten bewegt, konkretisiert er sein Anliegen für den Coachingprozess.

Situationsbeschreibung

Die nähere Beschreibung der Situation soll Kontextinformationen geben, die für die weitere Coachingsitzung hilfreich und notwendig sein können. Sie erfolgt nicht allumfassend, vielmehr werden Teile des Gesamtkontextes bzw. betroffene soziale Systeme, auf die sich der Klient bezieht, näher untersucht.

Ressourcenaktivierung

Mithilfe von Fragen nach bisherigen Lösungsversuchen, inneren Bildern, persönlichen oder beruflichen Erfolgen werden die Ressourcen des Klienten aktiviert. Es bietet sich an, die Ressourcen festzuhalten. Das kann in Form des Ressourcenrads oder des Ressourcenbaums geschehen.

Musterzustandsänderung

Mit der Ressourcenaktivierung oder der Wunderfrage wird der Klient von der Problemtrance in einen guten Musterzustand geführt. Der Coach lädt den Klienten in dieser Phase ein, seine ideale Zukunftsvision mit all seinen Wahrnehmungen, Emotionen und Bildern detailliert zu beschreiben. Wichtig ist, dass die Musterzustandsänderung beim Klienten auch körperlich sichtbar ist, so kann er auf seine eigenen Ressourcen und die vorhandenen Lösungen optimal zugreifen.

Zielfindung

Ausgehend von dem positiven Musterzustand wird der Bezug zur aktuellen Situation hergestellt. Der Klient beschreibt die Schritte und Veränderungen, an denen er erkennt, dass er seiner idealen Situation bereits nähergekommen ist. Wichtig ist, dass die erlebten Veränderungen so konkret wie möglich formuliert werden. Die Ziele werden dann positiv und im Präsens formuliert.

Maßnahmen

Der Klient wird eingeladen verschiedenste Maßnahmen zu formulieren, um seine Ziele zu erreichen. Hilfreich für eine Sammlung von Maßnahmen ist die Einbindung einiger Perspektivwechsel.

Konkrete Umsetzungsschritte

Die Maßnahmen werden vom Klienten bewertet und ggf. priorisiert. Er definiert konkrete zeitlich definierte Schritte zur Umsetzung. Idealerweise kann er eine Aktivität innerhalb des nächsten Tages umsetzen, um durch den Umsetzungserfolg positiv und handlungsorientiert zu bleiben.

Feedback

Der Klient reflektiert seine Aktivitätsplanung mit Blick auf das anfänglich geäußerte Anliegen und tauscht sich mit dem Coach über den Prozessverlauf aus.

Fazit

Das systemisch-lösungsorientierte Coaching ist, richtig durchgeführt, ein wirksamer Prozess, der Menschen dabei unterstützt, für private und berufliche Anliegen neue Lösungen zu entwickeln und erste Handlungsschritte einzuleiten. Ein Coaching ist dabei ein sich geschlossener Prozess, der mit einem neuen Anliegen wiederholbar ist. Der Klient definiert dabei selbst, wann er ein erneutes Coaching durchlaufen will.

Quellen: Luhmann, Niklas (1982): Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, in: Zeitschrift für Soziologie, Jg.11, Heft 4, Oktober 1982, Stuttgart: F. Enke Verlag, S. 366-379.