2019-06-28

Graphic Recording = Graphic Facilitation = Sketchnoting?

Graphic Recording und Graphic Facilitation sind Begriffe, deren Bedeutung und Nutzen oft nicht bekannt ist.

Bei Veranstaltungen werde ich regelmäßig gefragt, wie sich Graphic Recording selbst erlernen und anwenden lässt. Im weiteren Gesprächsverlauf merke ich dann, dass es oft ein unterschiedliches Verständnis der Begrifflichkeiten gibt.

Was ist Graphic Recording?

Der Begriff des Graphic Recording oder Visual Recording ist ein relativ junger Begriff. Er wird seit rund drei Jahrzehnten weltweit genutzt und bezeichnet die möglichst neutrale visuelle Dokumentation von Workshops und Veranstaltungen in Echtzeit.

Der Prozess findet entweder auf großen Papierbögen oder digital auf dem iPad und auf einen Bildschirm projiziert statt. Die Methode hat sich aus der Graphic Facilitation entwickelt, die bereits in den 70er Jahren im Rahmen der Prozess- und Strategiebegleitung entstanden ist.

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Zuhören sticht Zeichnen

Beim Graphic Recording geht es um das bildhafte Erfassen und Aufbereitung des Gesagten. Der Graphic Recorder tritt in dem Moment des Tuns in den Dienst der Moderation, der Sprecher und der Eventteilnehmer. Die Herausforderung ist, die gesagten Inhalte zu hören, sie im Kopf zu priorisieren und sie im nächsten Schritt bildhaft und strukturiert auf dem Papier oder digital wiederzugeben.

Nach meinem Verständnis ist das Visual Recording somit ein analytischer Prozess, bei dem die Erfassung der Inhalte im Vordergrund steht. Die gewählte Bildsprache hat die Aufgabe, die gesprochenen Inhalte und Botschaften zu unterstreichen.

Der Prozess

Ich habe die wichtigsten Dinge für ein gutes Graphic Recording bei Cara Holland, einer bekannten englischen Graphic Recorderin, erlernt. Ich halte es ähnlich wie sie: bei einem Auftrag arbeite ich mich in das Thema, die Art des Events und die Agenda sehr gut ein. Außerdem erarbeite ich mir vorab das passende Bildvokabular, um bei der Echtzeitvisualisierung das Gesagte flexibel und passend visuell verarbeiten zu können.

Was ich im Vorfeld nicht benötige, sind ganz konkrete Informationen zu dem, was gesagt werden soll, wie Präsentationsunterlagen. Sie schränken die gedankliche Offenheit eher ein und sind vor allem dann hinderlich, wenn der Referent zu einer Präsentation andere Inhalte, Beispiele und Geschichten wiedergibt.

Der Prozess des Graphic Recording ist dann vorbei, wenn der Workshop oder der Vortrag zu Ende ist. Da die visuelle Dokumentation eine Ist-Analyse des Gesagten ist, sollte sie genau das widerspiegeln. Das heißt, das Ergebnis des Graphic Recording ist direkt für die Teilnehmer einsehbar und regt damit oft die Reflexion der Themen an.

Andere Ansätze

Es gibt bei der Vorgehensweise jedoch kein richtig oder falsch. Es entspricht nicht meinem Ansatz, aber öfter zu sehen ist, dass Graphic Recorder sich Notizen machen und diese dann zum Teil erst nach der Veranstaltung auf das große Papier übertragen. Gängig ist auch, die Präsentation vor der Veranstaltung vorliegen zu haben und die vorher gemachten Notizen während der Veranstaltung auf das Großformat zu übertragen.

Seit Kurzem bieten neben Facilitoren auch Illustratoren ohne Moderations- oder Trainingserfahrung vermehrt Graphic Recording an, weshalb sich die Begriffsbedeutung verändert. Zu beobachten ist, dass nicht mehr unbedingt die Inhalte im Vordergrund stehen, sondern die einzelnen Bilder, die ein beeindruckendes Kunstwerk ergeben.

Mittlerweile hat sich übrigens für das digitale Ergebnis neben dem Wort Visualisierung auch das Wort Sketchnote durchgesetzt, das ich selbst gern nutze.

Was ist Graphic Facilitation?

In der Graphic Facilitation liegt die Verantwortung für die Moderation, den Prozess sowie die Dokumentation bei dem Graphic Facilitor. Da es sehr anspruchsvoll ist neben der Gruppenmoderation die Ergebnisse strukturiert festzuhalten, ist für die Graphic Facilitation einiges an Know How nötig.

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Oft sind Graphic Facilitors ausgebildete Berater, Trainer und Moderatoren, die sich der Macht der Bilder bewusst sind und sich die grafische Toolbox für eine effektivere Arbeit mit Gruppen angeeignet haben.

Da ich einiges an Erfahrung mit der Arbeit von Gruppen und der Moderation dieser habe und mich gleichzeitig für die Organisationsentwicklung begeistere, ist für mich die Graphic Facilitation auch ein sehr spannendes Feld. Deshalb habe ich vor 2 Jahren die Grundlagen der Graphic Facilitation bei der kanadischen Pionierin, Christina Merkley, erlernt.

Christina Merkley hat selbst bei dem Meister der Graphic Facilitation, David Sibbet, gelernt und mit ihm zusammengearbeitet. David Sibbet ist der Gründer der Organisationsberatung The Grove. The Grove nutzt Visualisierungen, um Unternehmen zu beraten, Transformationsprozesse zu unterstützen und die Zusammenarbeit von Teams zu verbessern.

Wer Interesse hat, Visuals von The Grove in der Facilitation einzusetzen, der findet hier passende Templates. Die Firma bietet auch Trainings an, um Visualisierungen in der eigenen Arbeit zu nutzen.

Sketchnoting und eigene Notiz

Sketchnoting ist nach meinem Verständnis das visuelle Dokumentieren von Inhalten, entweder auf Papier oder digital. Privat eingesetzt entspricht es meist einer eigenen Aufzeichnung bzw. Notiz, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat.

Für alle, die Interesse haben, ihre Visualisierungen von Veranstaltungen mit anderen zu teilen, ist die eigene visuelle Notiz die beste Übung. Du bekommst über regelmäßiges Mitschreiben und den Versuch Inhalte in eine eigene Bildsprache zu übersetzen, ein Gefühl für mögliche Strukturen und lernst, was für dich funktioniert und was nicht.

Wichtig, um im richtigen Moment die geeigneten Bilder zeichnen zu können, ist der Aufbau eines eigenen Bildvokabulars.

Fazit:

Für die visuelle Dokumentation von Inhalten und Veranstaltungen gibt es verschiedene Methoden, die sehr stark vom Bedarf und dem Ziel der Dokumentation abhängig sind. Die Formate haben außerdem einen unterschiedlich starken Effekt auf die Partizipation der Veranstaltungsteilnehmer.

Die Grenzen zwischen Graphic Recording und Graphic Facilitation sind oft fließend. Deshalb ist es ratsam, die tatsächliche Form der visuellen Begleitung konkret und individuell auf eine Veranstaltung, die Agenda und gewünschten Ergebnisse abzustimmen.

Beide Methoden lassen sich nicht ohne weiteres von jedem in der Praxis anwenden. Wer für sich selbst üben will, ist mit privaten Sketchnotes gut beraten. Wer den professionellen Einsatz anstrebt, erwirbt die Grundlagen am besten von einem der langjährigen Experten – zu finden vor allem im englischsprachigen Raum.