2019-07-05

Gewaltfrei und empathisch: Rosenberg‘s Gewaltfreie Kommunikation

„Du bist gemein. Wegen dir geht es mir jetzt schlecht.“

Wenn dir im Alltag auch schon einmal eine der vielen „Du-Botschaften“ entgegen gefeuert wurde, dann kennst du es bestimmt auch: das Gefühl von Irritation, Hilflosigkeit oder leichtem Ärger, das sich langsam aber stetig in dir aufbaut.

Das Ende ist in den meisten Fällen vorprogrammiert: es herrscht Sprachlosigkeit oder die Situation eskaliert in einem heißen Wortgefecht.

Marshall Rosenbergs „Gewaltfreie Kommunikation“ (GFK)

Aber es gibt eine Möglichkeit der Intervention und zwar mit der Gewaltfreien Kommunikation (GFK). Die Gewaltfreie Kommunikation ist ein relativ bekanntes und wirksames Konzept, das von Marshall Rosenberg entwickelt wurde.

Rosenberg war promovierter Psychologe und seinerzeit beeinflusst von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, sowie von Ghandis Überlegungen zur Gewaltfreiheit und der Lehre der klientenzentrierten Psychotherapie.

Mit der GFK strebte er an, Menschen dabei zu unterstützen, dass sie in ihrem Alltag wertschätzend und empathisch miteinander kommunizieren - auch gegenüber den eigenen Bedürfnissen.

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation

Eine wesentliche Rolle spielt in der GFK Rosenbergs das vier Schritte Modell, welches ich in der Grafik dargestellt habe.

GFK

Die vier Schritte Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte lassen sich auch in einem Satz ausdrücken:

Wenn ich ... sehe, dann bin ich ..., weil ich ... brauche. Deshalb wünsche ich mir ….

Das Eingangsstatement dieses Beitrags „Du bist gemein. Wegen dir geht es mir jetzt schlecht.“ lässt sich somit auch anders kommunizieren.

Nach GFK könnte es nun heißen:

„Ich lese, dass du mein Vorhaben nicht für möglich hältst. Ich bin traurig/verletzt, weil ich mir Unterstützung gewünscht habe. Ich wünsche mir, dass wir mein Vorhaben morgen früh noch einmal besprechen.“

Im Gespräch mit Doris Schwab

Bei Doris Schwab habe ich vor einigen Jahren ein GFK-Training besucht. Doris Schwab ist seit 2006 vom Center für Nonviolent Communication als GFK-Trainerin zertifiziert und begleitet als Assessorin außerdem künftige Trainer. Sie unterstützt Einrichtungen, Unternehmen und Interessierte bei der Integration der Gewaltfreien Kommunikation in den Alltag.

Bemerkenswert ist, dass Doris direkt bei Marshall Rosenberg in der Ausbildung war und ihn bei der Arbeit und der Lehre live erlebt hat.

Doris, was machte Marshall Rosenberg und seine Arbeit aus?

An Marshall hat mich besonders beeindruckt, dass er so gar nicht als „Guru“ daherkam. Ich erlebte ihn auf Augenhöhe, als Mensch mit einer riesigen Sehnsucht. Er wollte zum Frieden unter den Menschen beitragen und zu einer Kommunikation, die uns den Umgang miteinander erleichtert.

Er war „süchtig“ nach dieser Arbeit, hat sich keinen Tag Pause gegönnt. Seine Seminare dauerten von 8 bis 19 Uhr. Die Pausen waren knapp und aus seiner Sicht „verschwendete“ Zeit.

Marshall war jeden Tag auf der ganzen Welt unterwegs. Er hat mit den einfachsten Ureinwohnern genauso gern und intensiv gesprochen wie mit den höchsten Politikern, die er erreicht hat.

Du hast Deine Ausbildung zur GFK-Trainerin bei ihm absolviert. Welchen Einfluss hatte er auf Dich und Dein Leben?

Die Gewaltfreie Kommunikation hat mein Leben nachhaltig verändert. Und dies war ein langer und zäher Weg, der wohl lebenslänglich weiter gehen wird. Die GFK ist eben nicht nur eine Methode - ein Tool für das Handwerksköfferle von Mediatoren und Coaches.

Sie ist eine Veränderung in der eignen Lebenshaltung sich selbst und anderen gegenüber.

Ich ärgere mich längst nicht mehr so schnell und so intensiv wie früher: das erspart mir Magen- und Verdauungsbeschwerden sowie Kopfweh/Migräne. In diesem Sinne ist die GFK eine reine Gesundheitsprävention und das müsste aus meiner Sicht die Krankenkasse bezahlen!

Das Eintauchen in die Haltung der GFK hat auch mein Familienleben deutlich verändert: ich hatte zu meiner Anfangszeit vier pubertierende Jungs. Die Beziehung zu ihnen hat sich nachhaltig entspannt und sie hat eine andere Qualität bekommen.

Marshall so als Vorbild zu erleben hat mich ermutigt, zunächst als Trainerin und dann auch als Ausbilderin (Assessorin) tätig zu sein. Und auch ich teile meine Arbeit zum Teil ehrenamtlich, z.B. in Kenia, Bosnien, ….

Ich bin endlos dankbar, ihm noch so oft persönlich und direkt begegnet zu sein und von ihm lernen zu dürfen!

Wie nimmst Du den Gewinn der GFK in der Praxis wahr?

Ich lebe entspannter und bewusster. Ich treffe meine Entscheidungen in klarer Eigenverantwortung. Was umgekehrt bedeutet: kein Klagen und Jammern mehr. ;) Ich glaube, damit tun sich alle rund um mich herum leichter!

Ich springe wesentlich seltener auf Kritik an. Ich kann eher das Anliegen der anderen hören. Und falls ich doch auf Kritik anspringe, dann finde ich Wege zu einer Auszeit. In der übe ich mich in Selbstempathie und kann danach wieder in Kontakt mit meinem Gegenüber gehen.

Umgekehrt äußere ich Kritik anders und gehe auf meine Mitmenschen anders ein. Der Umgang mit „schwierigen Menschen“ ist deutlich entspannter – es gibt sie nicht mehr. ;)

Was sollten wir alle viel öfter tun?

Wir sollten unseren Fokus auf das ausrichten, was uns gelingt und was wir haben, anstatt über all das zu klagen, was wir nicht haben und was uns weniger gelingt.

Es macht für mich einen entscheidenden Unterschied, ob ich am Abend zurückblicke auf die zwei unerledigten To-Do‘s und darüber klage oder ob ich mich über die acht erledigten freue und damit in eine Energie komme, mit der ich die zwei übrigen am nächsten Tag „mit links“ schaffe.

Wir sollten Dankbarkeit uns selbst gegenüber UND auch gegenüber anderen aussprechen: das Aussprechen allein kann Teams und Gruppen verändern. Es trägt dazu bei, dass wir aus der Fülle leben können, anstelle von Mangeldenken. Ich halte das für wesentlich gesünder und hilfreicher, um glücklich leben zu können.

Vielen Dank für deinen Einblick in die GFK und die wertvollen Impulse, Doris.

Mein Fazit

Die Gewaltfreie Kommunikation ist ein wirkungsvoller Weg sich die eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusster zu machen und sie nach außen zu kommunizieren. Des Weiteren lädt sie dazu ein, mit dem Gegenüber in einen empathischen vertrauensvollen Kontakt zu kommen.

Da beides eine gewisse Selbstreflexion erfordert, ist die GFK nicht ganz so einfach anzuwenden, wie es manchmal den Anschein hat.

Ich habe vor einigen Jahren nach einem Wochenendseminar einen weiterführenden Intensivkurs besucht. Rückblickend betrachtet habe ich erst im Intensivlehrgang ein Gespür für die GFK entwickelt.

Nach meiner Erfahrung fordert es einiges an Übung die GFK in Situationen, in denen wir emotional betroffen sind, wirklich „gewaltfrei“ und empathisch anzuwenden. Und wie auch Doris meinte, ist die GFK nicht nur eine Methode, sondern eine Haltung.

Weitere Infos zur Gewaltfreien Kommunikation finden sich im Web bei Doris Schwab, hier oder im Buch (Werbung).


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