2019-08-30

Probier etwas neues: die Zeichenchallenge

Matt Cutts „Try something new for 30 days“

Vor ein paar Wochen sah ich Matt Cutts TedTalk „Try something new for 30 days“. Matt Cutts, US-amerikanischer Softwareentwickler, war ehemals bei Google beschäftigt und erhielt für seinen Ted-Talk viel Aufmerksamkeit. Seine Kernaussage: Nach 30 Tagen des täglichen Übens hast du eine neue Gewohnheit vollständig manifestiert.

Er führte aus, dass am Ende der 30 Tage bereits großartige Veränderungen eintreten können. Wenn du zum Beispiel für ein geplantes Buch pro Tag 1667 Wörter schreibst, dann hast du am Ende des Monats bereits 50.000 Wörter geschrieben. Das ist bei durchschnittlich 70.000 Wörtern pro Buch bereits die untere Grenze an Wörtern, die du ungefähr benötigst.

Der Selbstversuch

Ende Dezember, also schon bevor ich von Matt Cutts Theorie hörte, startete ich den Selbstversuch: Ich beschloss ab sofort täglich eine Skizze zu zeichnen und diese am darauffolgenden Tag auf meinem Instagram-Account, welchen ich ausschließlich für meine Zeichnungen nutze, zu posten.

Mittlerweile habe ich acht Monate lang jeden Tag gezeichnet und auch gepostet. Schon allein für das jetzige Gefühl, etwas geschafft zu haben, ist es die Sache wert gewesen.

Jeden Tag eine Zeichnung

Die Idee, jeden Tag eine Zeichnung zu machen, ist nicht neu und es gibt einige Künstler, die das mittlerweile erfolgreich über einen noch längeren Zeitraum durchhalten.

Dem wollte ich nun folgen. Meine Zeichnungen öffentlich zu posten war dabei eine Accountability-Maßnahme, um mich daran zu halten, wirklich jeden Tag eine Zeichnung zu machen. Außerdem konnte ich so Instagram etwas intensiver nutzen und für mich ausprobieren. Bis dahin hatte ich in unregelmäßigen Abständen die ein oder andere Zeichnung hochgeladen.

Die Entwicklung

Frühstück Einer meiner ersten Uploads, ein schnelles Aquarell am 1.1.2019

Ich startete kurz vor der Weihnachtszeit. Das war sehr gut. Denn in dieser Zeit hatte ich Freizeit und konnte diese ganz einfach dem Zeichnen und Malen widmen. So suchte ich mir täglich ein Motiv und versuchte es mit unterschiedlichen Materialien, überwiegend Fineliner und Aquarellfarbe, zu erfassen.

Spätestens Mitte Januar wurde es dann schwierig, wirklich jeden Tag explizit etwas in mein Skizzenbuch zu zeichnen. Ich gewöhnte mir an, immer ein Skizzenbuch und einen Stift mitzunehmen – egal, wo ich hingehe – um meine Tageschance einer Zeichnung nicht zu verpassen, weil ich kein Papier dabeihabe.

menschen-am-strand Zeichnung vom 15.05.2019, Menschen am Strand, Tel Aviv

staeffele-in-stuttgart Zeichnung vom 18.06.2019, Oscar Heiler Staffel in Stuttgart

oslo-hafen Zeichnung vom 25.06.2019, Oslo Hafen

Wenn ich jetzt durch die Bilder scrolle, bin ich überrascht, wie viel ich gezeichnet habe. Fast drei Skizzenbücher sind gefüllt mit unterschiedlichsten Zeichnungen - das meiste davon Beobachtungen im Alltag. Meine Bücher gleichen visuellen Tagebüchern, mit dem einzigen Unterschied, dass sie vermutlich weniger beschriebene Emotionen beinhalten.

Was entsteht: der Lerneffekt

Rückblickend habe ich folgende Dinge gelernt:

Zeichnerisches Know-How

Ich bin zeichnerisch sicherer geworden, habe unterschiedlichste Objekte und Menschen gezeichnet und das mit verschiedenen Zeichenmaterialien. Die Suche nach einem Tageszeichenmotiv hat mich kreativ gemacht, darunter waren Porträts, Menschen in Bewegung, perspektivische Zeichnungen, Reisezeichnungen, Tierzeichnungen, Urban Sketches und Objektstudien unterschiedlicher Art.

Die Vielfalt und das tägliche Üben geben mir heute auch für Business Illustrationen und Graphic Recordings noch mehr Sicherheit.

Kreativität braucht Leichtigkeit

Für mich wurden die Skizzen am besten, die rasch „dahingezeichnet“ waren. Ich liebe den schnellen Strich.

Den Momenten, in denen ich recht schwerfällig an meinem Buch saß, um noch etwas zu zeichnen, fehlte die nötige Leichtigkeit und das konnte ich dann in den Grafiken sehen.

Überraschend sind einige der Zeichnungen, die sehr rasch vor Ort mit Aquarellen oder Fineliner relativ planlos entstanden – überzeugen sie den Betrachter mit einem gewissen zeichnerischen Witz.

Dranbleiben

Ja und der Faktor, der auch eingetreten ist, und den Matt Cutts auch skizziert hat, ist die Gewohnheit. An manchen Tagen war mir überhaupt nicht nach Zeichnen, dann war die Tagesskizze eine Art Pflichtprogramm. An anderen Tagen hingegen stand ein Zweifel überhaupt nicht zur Debatte, da war das Zeichnen wie das Zähneputzen und gehörte einfach dazu.

Instagram: die Community

Ich habe Instagram besser kennen gelernt. Für die Vorbereitung von Posts und die Hashtag- Generierung nutze ich das Tool Tailwind.

Und: ich hätte es nicht gedacht, aber auch von der Instagram-Community gab es Unterstützung. Mir war es nicht sonderlich wichtig, neue Follower zu generieren und ich folge Künstlern, deren Kunst ich mag. Was im Laufe der Monate dennoch passiert ist, ist eine Art Gemeinschaft, in der Zeichnungen ausgetauscht werden.

Ich habe mich mittlerweile wirklich daran gewöhnt, Neuigkeiten von den anderen zu sehen. Die facettenreichen Werke inspirieren mich und es hilft mir auch, mein eigenes künstlerisches Schaffen besser zu definieren.

Ich freue mich auch über „Likes“ und das Feedback von Bekannten wie „Deine Posts inspirieren mich.“

Auch wenn ich die meisten der „Instagramer“ nicht persönlich kenne, so lässt sich mittlerweile gut abschätzen, wer für welchen künstlerischen Stil steht und wer welche Zeichnungen mag. Außerdem zieht mich der feste Kern derjenigen mit, die täglich zeichnen und posten.

Was fehlt: die Zeit

Die Nachteile sind recht gut auszuhalten. Es mangelt an Zeit und damit einhergehend an Qualität.

Ich sehe mittlerweile, dass das Entstehen von einigen meiner Zeichnungen eigentlich mehr Zeit bräuchte, wenn ich konzeptioneller herangehen würde. Auch um spezifische Situationen grafisch abzubilden und Bildfolgen zu entwickeln, ist eine Skizze am Tag aus meiner Sicht sportlich.

Neben der Zeit für die eigentliche Zeichnung braucht es auch, die Zeit zum Veröffentlichen. Die Skizzen müssen fotografiert, beschrieben und mit Hashtags angereichert und gepostet werden.

Mein Fazit

Der Selbstversuch war es wert. Ich bin sehr froh darüber, die Challenge unternommen und durchgehalten zu haben.

Vielleicht ist bald der Tag gekommen, an dem ich mir mehr Zeit für meine einzelnen Zeichnungen nehmen werde und deshalb ein Sketch pro Tag keine Option mehr sein wird. Bis dahin erfreue ich mich an dem täglichen Lernprozess und dem, was entsteht und welche Ideen freigesetzt werden.

Welche neue Gewohnheit legst du dir in den kommenden 30 Tagen zu?

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